• Schülerzeitung

Die Schere zwischen Wissenschaft, Aufklärung und Vernunft

von Laura Scholz


Menschen streben nach einer für sie völlig erklärbaren Welt. Seit Jahrhunderten. Die Wissenschaft soll als realistisch-logisch orientierte Institution Licht in das Dunkel unseres generellen und alltäglichen Seins bringen. Doch inwieweit sind Erklärungen und Modelle dieser wissenschaftlichen Forschung überhaupt so fakten- und beobachtungsnah, dass wir sie als vernünftige Schlussfolgerung ansehen können.

Zunächst müssen wir anerkennen, dass jegliche Wissenschaft, die nicht reine Beobachtung beschreibt, nur als wahrscheinliches+ Modell angesehen werden kann. Je mehr Indizien wir haben, desto vernünftiger erscheint uns das Modell. Nun ist die Wissenschaft jedoch so weit vorgedrungen, dass wir in für Menschen unerkenn- und beobachtbaren Bereichen liegen. Das heißt, abstrakte Modelle entstehen, immer mehr aufgebaut aus Verknüpfungen anderer Theorien. So ist fraglich, wo die logische Schlussfolgerung aufhört und die Spekulation anfängt. Von Fakten geprägte Erklärung wandelt sich an diesem Punkt der Unsichtbarkeit zu einer Art Glauben, auch wenn ich eine Ähnlichkeit zwischen Glaubensrichtungen oder Religionen und der Wissenschaft vehement bestreite, um. Um eine Theorie zu rechtfertigen müssen nun alle vorangestellten Theorien an sich stimmen. Dies ist wohl auch der Punkt, an dem die Vernunft ihre Annäherung an eine Grenze findet. Es ist immer noch etwas davon enthalten, aber der Anteil sinkt. Wollen wir alles erklären, müssen wir wohl den Anspruch fallen lassen, dass alles vollkommen vernünftig und beweisbar ist und uns mit dem bestmöglichen aktuellen Modell zufriedengeben, so unsicher es auch ist.

Eine andere Frage, die man sich stellen sollte, ist, ob ein Forschungs- und Erklärungsdrang in von uns unanwendbaren Bereichen noch als Akt der Vernunft angesehen werden kann, oder ob dies nicht eher eine Verirrung der Wissenschaft in eine fanatische Idee ist. Genau wie zum Beispiel der Doktor in Büchners Woyzeck Zustände durch Veränderung des Ernährungs- und Bedürfnisverhaltens seines Versuchsobjektes erproben will, die im normalen Leben keinerlei Zweck erfüllen, versucht die Wissenschaft, alles zu erforschen, was sie nur kann. Man landet im Bereich der theoretischen Naturwissenschaft, die nicht mal mehr auf Beobachtungen aufbaut, sondern nur auf Gedankengängen, die ebenfalls theoretische Modelle verknüpfen. Selbst wenn es eine ultimative Regelung gibt, was bringt sie uns, wenn sie für den Menschen in der Umwelt unmöglich erkennbar und nur auf dem Papier mathematisch erschließbar ist? Im Falle der Naturwissenschaften ist dies vielleicht außer übermäßigem Arbeitsaufwand nicht sonderlich schädlich, im Falle des Doktors führt der überflüssige Forschungsdrang jedoch zur Vernachlässigung seiner aktuellen medizinischen Pflichten, er verletzt seine Gegenwart und sein Umfeld für die Forschung, worin er kein Einzelfall ist. Was sich geändert hat ist das Bewusstsein für Ethik, aber das Prinzip bleib beim Doktor wie in der theoretischen Wissenschaft das gleiche. Die Forschung rechtfertigt sich nicht mehr durch ihren Nutzen, sondern durch sich selbst. Ein anderes, wesentlich älteres literarisches, aber zeitlos aktuelles Beispiel für die sozialen und auch psychologischen Nachteile dieses Wissensdrangs finden wir in Goethes Faust. Dieser hat sich so stark auf die Wissenschaft fokussiert, dass die Erkenntnis, nicht viel von seinem theoretischen Wissen auf die normalsterbliche Welt anwenden zu können ihn so hat trifft, dass er alle moralischen Prinzipien verwirft, um seine verpassten Lebenserfahrungen nachzuholen. Er ist das beste Beispiel dafür, dass ein alleiniger Fokus auf die Wissenschaft nicht zu einer aufgeklärteren Welt führt. Zum einen weil eine Trennung von Erkenntnis und sozialer Kompetenz nie vorteilhaft ist. Zum anderen sollte man sich die Frage stellen, ob der Mensch alles ergründen soll, ergründen muss, überhaupt ergründen kann. Faust treibt der Ausblick, es nicht zu können, fast in den Wahnsinn.

So ist fraglich, ob die Forschung der Vernunft entspringt, von der sie so lange diktiert werden sollte, oder aus irrationaler Wissbegier. Trotzdem kann man sagen, dass man sich einer wissenschaftlichen Erklärung aller Sachverhalte nähert. Das ist jedoch keinesfalls eine gänzliche Aufklärung, da dieses Wort mit einer Sicherheit der Feststellung verbunden ist. Diese Sicherheit ist aber durch die Verwendung von abstrakten Modellen und Theorien nicht gewährleistet. Der Forschung, sind zumindest gedanklich, außer moralisch, keine Grenzen gesetzt, solange man zu einer Überschreitung der gesellschaftlichen Vernunftsgrenze bereit ist, weshalb es möglicherweise ein vollständig erklärtes, aber wahrscheinlich nie ein vollständig aufgeklärtes Zeitalter geben kann. Vielleicht würde gerade daher die Akzeptanz einiger unergründbarer Fragen uns helfen, den Fokus eher auf Problemlösungen in unserer Gesellschaft zu setzen, sozial und wissenschaftlich. Und natürlich muss es Forschung, Wissenschaft und Innovation geben. Nur sollte man im Auge behalten, was der Allgemeinheit hilft, und was eher Kapazitäten verbraucht, die an anderer Stelle dringender gebraucht werden. Aufklärung. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, ist einer deren Leitsprüche, und das gilt nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für andere Bereiche unseres Verstandes: Weitsicht, Sozialkompetenz, Moral, Pragmatismus und vieles mehr. Eigentlich - für alle Bereiche unseres Lebens.

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